Geigen-Blog 2: "Virtuosität" (28.03.25)
Der Begriff weist zunächst darauf hin, „mutig“ und „tapfer“ zu sein (lat. virtus = Mut, Tapferkeit); Virtuosität ist für mich der Mut zum Eigenen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass MusikerIn-Sein in der Geschichte immer bedeutete, (primär) eigene Kompositionen zu spielen. Erst die Schallplattenindustrie veränderte dies und schuf einen neuen Berufsstand, den des Interpreten/ der Interpretin (in ausschließlicher Form). Dies ist der Euphemismus. Negativer formuliert könnte man „Kopist“/“Kopistin“ sagen. Natürlich geht mit der (ahistorischen) Beschränkung auf das bloße Wiedergeben eine gewisse Degeneration einher: das Kreative geht verloren. Und mit dem Kreativen das eigentlich Musische (siehe oben). Ein gutes Beispiel sind die erhaltenen Aufnahmen vom Geiger Fritz Kreisler, dem der Spagat wohl noch gelang und der selbstverständlich noch komponierte. In der heutigen Zeit braucht es ein Grundmaß an Kraft und Aufwand, um wieder selber Musik zu kreieren. Die einseitige Verengung des Begriffes Virtuosität (wenn nicht gar die Verfälschung) auf Schnelligkeit und Technik braucht Geduld, um sie wieder allmählich zu erweitern. Solche Begriffsveränderungen sind im Laufe der Geschichte häufiger zu beobachten. Ein weiteres Beispiel und eben indirekt angeklungen ist die „Technik“: Im Sinne der griechischen Wortbedeutungen "Kunst", „Fertigkeit“, aber auch „List“ geht es hier wohl eher um die Lebenskunst, Individualtechnik bzw. die List, sich als MusikerIn zu etablieren (d.h. als kreative Person!). Um die Sache eingehender zu untersuchen, braucht es sicherlich noch mehr Zeit. Die obige Darstellung ist sicherlich etwas verkürzend, weist aber wohl in die richtige Richtung. Auch die Bedeutung des Druckgewerbes und des aufkommenden Verlagswesens im 18. Jhdt. müsste noch eingehender untersucht werden; natürlich waren sämtliche Übergänge fließend. Auch soll das Interpretieren hier nicht pauschal herabgewertet werden. Ein Virtuose/ eine Virtuosin könnte an sich selbst jedenfalls den Anspruch stellen, beiden, den historischen und den gegenwärtigen Facetten des MusikerInnenberufs nachhaltig zu begegnen. Anerkannt (oder auch verworfen) zu werden, wäre dann eine "mutige" Grunderfahrung des Musizierens. Der Virtuose/ die Virtuosin haftet in hohem Maß persönlich für sein Musizieren, sein/ihr Wirken ist untrennbar mit ihm/ihr verbunden, er/sie ist ÜberzeugungstäterIn.
Gedenktafel am Geburtshaus Fritz Kreislers
(Foto: Von Ewald Judt (http://austria-forum.org/af/Infos_zum_AF/Editorial_Board/Judt%2C_Dr._Ewald_%28Wirtschaftswissenschaft%29) - http://austria-forum.org/af/Bilder_und_Videos/Bilder_Wien/1020_Gedenktafeln/6233, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53859558)
Geigen-Blog 1: "Achtsamkeit" (01.01.21)
In meinem Musikverständnis ist die Geige (das Instrument) eine Vermittlerin zwischen der Außen- und der Innenwelt, etwas mit der ich spannende Erlebnisse haben kann aber auch schlauer werde. Menschen, die ich sehr schätze und von denen ich viel gelernt habe, haben mir dieses Bild vermittelt, z.B. Ratko Delorko, wenn er von seinem "Lieblingsspielzeug" schreibt. Pythagoras hingegen stellte auf einem Instrument, dem Monochord, eine mathematische Versuchsreihe auf und entdeckte dabei die Obertonreihe und ihre Proportionen. Auch wenn dies in der Praxis sehr gewagt ist, stelle ich mir manchmal vor, dass sich jeder Ton, auch der beliebigste noch aus jener pythagoreischen Stimmung ableiten ließe. Wenn ich dann die Rundungen des Geigencorpus betrachte, taucht bei mir willkürlich die Zahl "8" in meinem Kopf auf und tatsächlich gibt es ja eine Ähnlichkeit. Nun redet ja heute jede und jeder von Achtsamkeit, die es zu entdecken gäbe und die unsere Gesellschaft erst entschleunigt und später vernünftiger gestalten will. Beim Abgreifen und Spielen jener 16 Flageolets, welche die Violine hervorbringt, begegnet mir dann wieder die "8" beziehungsweise die "Acht". Vielleicht müssten wir Geigenseminare anbieten als Ergänzung zur Wellness und zum Yoga: Meditieren über "8"-samkeit kann man nämlich einfach lernen.
[Bildnachweis: VectorStock]